Vor 25 Jahren: Die Tragödie am Manaslu

VOR 25 JAHREN AM 10. MAI 1991

Der Manaslu gehört mit seinen 8163 Metern zu den „kleinen“ Achttausendern. 1991 brach eine Südtiroler Expedition rund um den Extrembergsteiger Hand Kammerlander auf, um den Himalayariesen zu besteigen. Auch Roland Losso war dabei. Und indirekt auch Christine Losso. Die Expedition endete in einer Tragödie. Die ganze Geschichte hier.

Die Tragödie im Himalya

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Ende 1990 hatte Roland das große Glück, eine Einladung von Hans Kammerlander zu erhalten.Kammerlander war schon damals einer der besten Bergsteiger der Welt, der viele Male mit Reinhold Messner und anderen Bergsteiger-Größen auf den höchsten Gipfeln der Erde gestanden hatte.

Auch er ein Südtiroler wie sein Vorbild Messner, war damals ein engagierter junger Mann voller Träume und Pläne und ihn ließ die Idee nicht los, auch anderen engagierten Bergsteigern die Chance zu geben, einen Achttausender besteigen zu können.

So wie auch er diese Chance von Reinhold Messner mehrere Male bereits bekommen hatte. Die Permits (Genehmigungen) für die Himalayaberge kosten viel Geld, in der Gruppe wird es um einiges günstiger. „Ich war so voller Freude und Ziele, dass es für mich logisch erschien, etwas von dem weiterzugeben, was auch ich erfahren durfte“, erklärte Kammerlander damals.

Der Bergbauernbub war in Ahornach im Südtiroler Tauferer Ahrntal aufgewachsen und von dort aus auf die Berge der Heimat und dann auf die Berge der Welt gestiegen. Seine erste eigene organisierte Expedition sollte ihn dieses Mal zum 8163 Meter hohen Manaslu führen.

Der Name Manaslu kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Berg der Seele. Der Berg ist außerdem auch unter der Bezeichnung Kutang bekannt. Am Ende hatten sich zwölf Bergsteiger rund um Kammerlander geschart, allesamt aus Südtirol, die im Frühjahr 1991 nach Nepal aufbrachen, um den „kleinen“ Achttausender zu bezwingen.

Doch diese Expedition sollte unter keinen guten Stern stehen. Bereits kurz nach der Ankunft in Kathmandu stand fest, dass das gesamte Expeditionsgepäck fehlte. Hans Kammerlander und die Gruppe bemühten sich redlich. Nach Tagen endlich tauchte das Material auf. Unter Verzögerung konnte die Truppe starten nach Gorkha und von dort aus begann der zwölftägige Fußmarsch zum Fuße des Giganten.

Hier findest du alle Informationen über das Reisen nach und durch Nepal

Geschichte

Bis Anfang der 1950er Jahre wurde der Manaslu kaum erforscht. Am 9. Mai 1956 wurde der Berg von einer japanischen Expedition unter der Führung von Yuko Maki über die Nordostflanke erstbestiegen. Im Jahr 1964 glückte einer niederländischen Expedition die Erstbesteigung des Nordgipfels.

Der Ostgipfel des Manaslu indes konnte erstmals am 9. November 1986 durch eine von Jerzy Kukuczka geleitete Expedition bestiegen werden. Die zweite Besteigung gelang 1971 durch eine japanische Expedition über die Nordwestwand. 1972 gelang einer Tiroler Expedition unter der Leitung von W. Nairz die Durchsteigung der Südwand, wobei in einem Schneesturm zwei Bergsteiger, Andreas Schlick und Franz Jäger, starben.

Bei dieser Expedition gelangte am 25. April 1972 Reinhold Messner auf den Gipfel des Manaslu (dritte Besteigung). Messner konnte sich vor dem schweren Sturm rechtzeitig in Sicherheit bringen. Er führte auch die erste Besteigung dieses Berges ohne zusätzlichen Sauerstoff durch. 1972 sind am Manslu 15 Südkoreanische Bergsteiger durch eine Lawine ums Leben gekommen.

Der Manaslu war also mit Vorsicht zu genießen. Die Südtiroler Gruppe wusste um die wechselvolle Geschichte des Berges Bescheid, auch sie wollte den Achttausender über die Nordostflanke erreichen.

Anmarsch mit Hindernissen

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Auf dem Weg zum Basislager geschahen recht eigentümliche Dinge. Erich Seeber, ein Ahrntaler Freund Hans Kammerlanders, wurde bestohlen. Seine Geldbörse war nicht mehr auffindbar. Nach dem üblichen Radau hatten die Expeditionsträger schließlich das gesamte Dorf, den Ort des Geschehens im Visier.

Ein Beschuldigter wurde schlussendlich gefunden und die ganze Nacht hindurch an einen Baum festgebunden. Es sollte sich tags darauf herausstellen, dass der gute Mann unschuldig war.

Die Geldbörse ist indes nie wieder aufgetaucht. Dann ging es weiter über Stock und Stein, mehr als 30 Träger schufteten das Expeditionsgepäck in immer Schwindel erregendere Höhen hinauf. „Der Weg erstreckt sich unglaublich lange und bis zum vorletzten Tag haben wir den Berg nie gesehen“, so erinnert sich Roland Losso an diese Tour.

Der Expeditionsarzt hatte alle Hände voll zu tun. Es hatte sich herumgesprochen, dass ein Arzt mit unterwegs war und so schleppten die Einwohner von allen möglichen und unmöglichen Ecken und Enden der Welt ihre Kranken herbei, in der Hoffnung, dass der Arzt Wunder wirken möge.

Neben den üblichen Magen- Darminfektionen gab es eine ganz besonders tragische Geschichte. Ein Bauer hatte sich vor Wochen schon mit einem Beil in den Fußt gehackt, seine Wunde sah sehr übel aus. Der Arzt versuchte nun zu tun was er konnte und was in seinen Möglichkeiten stand. Er verabreichte Antibiotika und verband die Wunde und entließ den Mann und viele weitere mit besten Wünschen.

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Dann ging es weiter durch Reisfelder, Rhododendronwälder, tiefste Dschungel und Terrassen mit Gemüse und Obstanbau. Bis bis kurz vor Samagaon auf 3390 Metern Höhe hat man nie das Gefühl auf einer Expedition unterwegs zu sein.

Die Tour gleicht bis dahin für erfahrene Bergsteiger eher einer Trekkingtour. Erst dort erschließt sich endlich die unglaubliche Schönheit und Größe der Himalayariesen. Plötzlich türmen sie sich vor den Expeditionsteilnehmern wie gewaltige Trutzburgen auf und versperren den Weg.

In Samagaon wurden die Träger gewechselt, die die Truppe dann bis ins Basislager auf 4800 Metern Höhe begleiteten. Dort wurden die Zelte aufgebaut und der weitere Plan für die Gipfelbesteigung beschlossen.

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Das Leben im Basislager auf 4800 Metern Höhe

Das Wetter war zusehends schlecht, dunkle Wolken bauten sich Tag für Tag über dem Gipfel und das Lager auf. Dort versuchten sich die Bergsteiger zu akklimatisieren und den Gipfelansturm vorzubereiten. Roland Losso: Wir haben Material und Lebensmittel bis auf das erste Lager getragen, haben den Weg freigespurt, ein Fixseil an der steilsten Stelle deponiert und sind dann immer wieder abgestiegen. Um zu warten. Auf besseres Wetter. Auf bessere Bedingungen.

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Doch das Schicksal hatte sich wohl gegen die Gruppe entschieden. Das Wetter verschlechterte sich zusehends, es gab keinen Tag ohne Neuschnee. Der stapelte sich mittlerweile meterhoch rund um die Zelte, die immer wieder neu ausgegraben werden mussten. Obwohl die bunte Truppe abends zusammensaß, miteinander aß, fachsimpelte und schäkerte, lag eine dunkle Wolke stets über alles.

Die Zeit, die ihnen davonlief war das größte Problem. Und einen Gipfelanstieg vielleicht unmöglich machte. Doch es gab auch einige sehr sehr lustige Momente. Einmal kam Erich Seeber angelaufen und verkündete desperat, seine einzige Brille sei gerade ins WC gefallen.

Nun war Erich nicht gerade der Organisierteste der Gruppe und außerdem kann man sich ein WC auf 4800 Metern Höhe durchaus als Plumpsklo vorstellen. Friedl Mutschlechner, der Erfahrene und pragmatischste von allen, krempelte kurzerhand seine Ärmel hoch, griff ins Klo und fischte Erichs Brille wieder hervor.

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In diesen Höhen und unter diesen Umständen muss man sich zu helfen wissen. So sein Credo. Die Gewalten der Natur sind unberechenbar und die Fehler der Menschheit oft unverzeihlich.

Erich war jedenfalls gerettet. Friedl war es auch, der als Frisör und Bartschneider eine durchaus gute Figur im Basislager machte „So haben wir uns in den Schlechtwetterphasen mit Watten (Südtiroler Kartenspiel), mit Bart- und Haareschneiden und mit dem Spiel „Brille aus der Scheiße fischen“ beschäftigt, erinnert sich Roland Losso.

Außerdem war auch der Nepalesische Freund Tham Bahadur bei dieser Expedition erneut mit von der Partie und zwar als Küchenboy. Er war bereits bei Reinhold Messners Expeditionen dabei gewesen.

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Roland Losso

Um den 5. Mai 1991 endlich hellte es etwas auf und so haben einige der Truppe versucht, dem Gipfel etwas näher zu kommen. Gregor Demetz, Hans Mutschlechner, ein Bruder Friedl Mutschlechners, Alois Brugger und Roland Losso, gelang es bis auf die Höhe von 6600 Metern zu gelangen, tags darauf wollten sie 7500 Meter erreichen.

Doch die Männer waren vom schlechten Wetter, den täglichen Rückschlägen und den psychologischen Tiefs bereits so ausgepowert, dass sie erkennen mussten, es gab kein Weiterkommen mehr für sie. Sie funkten ins Basislager, dass sie absteigen würden, auf dem Rückweg trafen sie dann auf die neu Aufsteigenden Hans Kammerlander, Friedl Mutschlechner und Carlo Großrubatscher.

Keiner ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass es für zwei von ihnen ein Abschied für immer sein würde.

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Der 10. Mai 1991

Kammerlander, Großrubatscher und Mutschlechner erreichten eine Höhe von 7500 Metern. Dann kämpften sie sich mühsam weiter. Knapp unterhalb von 8000 Metern beschloss Mutschlechner umzukehren, seine bei einer vorhergehenden Expedition erfrorenen Zehen machten sich schmerzlich bemerkbar.

Carlo Großrubatscher indes wollte noch einige Fotos machen und entfernte sich etwas vom Hochlager. Als er aber auch nach Stunden nicht zurück war, begaben sich Kammerlander und Mutschlecher auf die Suche.

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Carlo

Schon bald hatten die Männer die traurige Gewissheit: Der junge Grödner war über eine Wächte in den Tod gestürzt. Er hatte einen Genickbruch erlitten. Seine Freunde ereilte nun die furchtbare Pflicht, Carlo in einer Gletscherspalte zu begraben und sich dann zutiefst betrübt auf den endgültigen Rückweg zu begeben.

Das Wetter schlug erneut um und dunkle Wolken brauten sich über sie zusammen. Erschwerend für diese Manaslu-Expedition kam hinzu, dass sich ausgerechnet 1991 der Golfkrieg im Irak abspielte und rund um Kuweit täglich große Ölfelder brannten. So stiegen dichte Rauchschwaden Kilometerweit in den Himmel, die der Wind bis in den Himalaya trug.

Das Klima veränderte sich auch hier nun und wenn es vom Süden schneite, fiel der Schnee am Himalaya mit  dunklem Öl getränkt zu Boden. Viele Stellen am Berg waren schwarz. Und nicht nur dies. Es gab plötzlich auch in allergrößte Höhen Blitze.

Beim Abstieg spürte ich plötzlich ein Singen an meinem linken Ohr“, wird sich Hans Kammerlander später erinnern. Ein kurzes Zucken am Seil, alles war düster, er konnte seinen Bergkameraden und besten Freund Friedl Mutschlechner nicht mehr ausmachen. Auch seine Rufe blieben unbeantwortet.

Hans stieg zum Seilende hinunter. Dort traf ihn fast der Schlag. Friedl Mutschlechner lag vor ihm im schwarzen Schnee. Er atmete nicht mehr. Ein kleines Loch an seiner Stirn erinnerte daran, dass er vom Blitz getroffen worden sein musste. Es roch nach verbranntem Fleisch.

Auch Friedl ist tot“, funkte Kammerlander verzweifelt ins Basislager.

Friedl Mutschlechner

Friedl Mutschlechner

Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig. Er begrub nun auch diesen Freund in einer Spalte und begab sich ins Zelt. Seine Trauer war grenzenlos. Ganz alleine musste er dort oben damit fertig werden, dass er innerhalb weniger Stunden zwei seiner besten Bergkameraden im ewigen Eis zurücklassen musste.

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals in meinem Leben verzweifelter gewesen zu sein, als in dieser Nacht“, so Kammerlander später. Es war eine unsagbare Tragödie, die dort oben in den Weiten der Berge des Himalyas und jenseits von aller Zivilisation geschehen war.

Unten im Basislager war an diesem verdammten 10. Mai 1991 die Gebetsfahne gerissen, welche die Hochträger und Sherpas schon beim Aufbau gespannt hatten. Alsbald ging ein Murmeln durch das Lager, das sich in Mark und Bein aller weiteren Expeditionsteilnehmer einschlich.

Das war kein gutes Omen. Die Träger hatten Angst.

Kathmandu und Nepal

Ich war indes mit unserer Tochter Denise, die damals neun Jahre alt war, mit Marianne Mutschlechner, Friedls Frau, und Freund Paul Christanell, nach Kathmandu gereist.

Es sollte eine wunderschöne Zeit für uns alle werden, auch wir wollten endlich das Land kennen lernen, in das unsere Männer so gerne reisten und wir wollten sie abholen, vielleicht gar mit ihnen einen Gipfelerfolg feiern.

Christanell, ein Freund aus Naturns, hatte im letzten Moment gebeten, mitkommen zu dürfen. Doch auch bei uns schlich sich der Gedanke ein, dass diese Reise tatsächlich unter keinem guten Stern stand.

Unsere Denise erkrankte bald nach der Ankunft in Kathmandu schwer. Sie hatte sich beim Lassitrinken (gegorenes Milchgetränk) Bakterien eingefangen und musste ärztlich behandelt werden. Die Sorgen um mein Kind waren groß.

Nach den Telefonaten mit den Ärzten im „International Hospital“ in Kathmandu konnten wirksame Medikamente besorgt werden. Dann ging es ihr schon etwas besser. Doch sie war schwach und schlief den ganzen Tag.

Ich saß mit  Marianne oben auf der Dachterrasse unseres Hotels in Kathmandu. Denise war gerade wieder eingeschlafen und ich hatte ein unglaublich eigenartiges Gefühl.

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Es war der 10. Mai 1991. Ich sagte zu Marianne: Heute ist ein besonderer Tag, ich spüre es. Vielleicht haben unsere Männer den Gipfel erreicht. Doch tief in mir drinnen machte sich ein ganz anderes Wissen breit. Das Wissen von Unbehagen, ja Unglück, Tod, Verzweiflung. Doch ich wollte es nicht wahrhaben und verdrängte alles.

Nein, ich musste positiv denken. Ich musste, ich wollte gute Gefühle haben. Für meine Tochter hier, für mein Kind daheim. Für uns alle. Fertig. Tags darauf schafften wir es mit Denise nach Pokhara fliegen zu können.

Dort erlitt das Kind einen Rückfall, sodass wir erneut im Hotel bleiben mussten. Unsere Unterkunft lag wunderschön in der Nähe des Pokharasees und war im Kolonialstil erbaut und eingerichtet. Wir wähnten uns in einer anderen Welt. Ein lauer Geruch von Moder verstärkte unsere Empfindungen noch.

Am Nachmittag bettete ich Denise in den wunderschönen Garten unter einem Baum, ich glaubte, sie hätte es m Schatten der Bäume feiner. Doch Denise war weiterhin unruhig. Gegen Abend kamen Marianne und Paul von einer Exkursion zurück und sie berichteten unglaubliche Dinge.

Es habe eine Demonstration gegeben mit Aufruhr und Radau. Zu jener Zeit war ganz Nepal auf den Beinen, die Maoisten machten mobil und wollten an die Macht. 1991 lebte auch die Königsfamilie noch.

Massaker im Königspalast

Im Nachhinein wissen wir, dass wir damals gerade die Vorgeschichte einer unfassbaren Tragödie erlebten. In der Nacht des 1. Juni 2001 kam es im Königspalast in Kathmandu zu einem Massaker.

Ganze neun Mitgliedern des Königshauses wurden brutal ermordet. Die staatlichen Kommissionen verbreiten alsbald die These, dass Kronprinz Dipendra im Alkohol- und Drogenrausch seinen Vater König Birendra, Mutter Königin Aishwarya, die Schwester, Prinzessin Shruti, Bruder Prinz Nirajan sowie Cousinen und Schwager bei einem familiären Abendessen mit einem Maschinengewehr niedergeschossen haben soll. Hier die “offizelle” Version.

Danach soll er eine Pistole gegen sich selbst gerichtet haben. Im Koma wurde er von der Palastwache ins Krankenhaus gebracht. Das Absurdum: Strikt nach Protokoll erklärte ihn der Königsrat daraufhin zum Nachfolger seines Vaters. Doch nach zwei Tagen starb auch er auf der Intensivstation.

Anschließend bestieg Gyanendra den Thron. Ein Geschäftstermin hatte Birendras jüngeren Bruder vor dem Tod bewahrt. Das nährt bis heute Verschwörungstheorien, er sei der wahre Drahtzieher hinter dem Drama.

In Pokhara und anderswo hatte es bereits 1991 Zurück ins Jahr 1991 Demonstrationen und Schießereien gegeben. Marianne und Paul warne nur knapp einer Katastrophe entkommen. Am selben Abend noch sollten wir dennoch eine wunderschöne Überraschung erleben. Roland war uns hinterher gereist.

Die Wiedersehensfreude war groß. Denise erholte sich schlagartig, endlich hatte sie ihren Papi wieder. Alles würde gut werden. Roland erzählte von der Expedition und dass schlechtes Wetter alle zum Scheitern gezwungen habe. Wir waren so erleichtert.

Mit Roland wollten wir tags darauf nach Gorkha reisen und dort das Erscheinen der restlichen Truppe abwarten. Roland erzählte nichts von den Tragödien, die sich oben in den Bergen abgespielt hatten. Wir waren völlig ahnungslos.

Wo ist Friedl, wo Carlo?

Es sollten noch einige Tage in Gorkha vergehen, bis die restlichen Bergsteiger endlich auftauchten. Roland beruhigte uns andauernd. Marianne war voller Vorfreude, keiner hatte ihrem Friedl verraten, dass sie da war. Sie wollte ihren Mann überraschen.

Noch nie hatte sie es geschafft, ihn auf eine seiner Expeditionen begleiten zu können. Sie hatten einen Sohn, der durch einen Geburtsfehler immer wieder neue Operationen benötigte, so war sich eine längere Reise nie ausgegangen.

Nun aber war es soweit und Marianne hatte sich entschlossen, ihrem Mann und sich selber diese Freude zu bereiten. Und ich war begeistert gewesen, als sich herausstellte, dass uns mit Marianne und Friedl gleich zwei Freunde begleiten sollten. Mit uns im Flugzeug war auch Reinhold Messner gewesen, der sich dann in Nepal selbstständig machen wollte.

Wir wohnten damals bei Messner auf Schloss Juval, wo ich als Mitarbeiterin dieses grandiosen Bergsteigers und Menschen arbeitete. Roland indes war schon vorher oft mit Messner auf die Berge der Welt gestiegen.

Jeden Tag wanderten wir in Gorkha stundenlang hinein in jenes Tal, das die Bergsteiger irgendwann ausspucken sollte. Es war eine harte Geduldsprobe. Denise ging es nun von Tag zu Tag besser, sie war der absolute Star im Dorf.

The child with the gold hair, riefen ihr die Kinder hinterher. Das Kind mit den goldenen Haaren. Denise trug damals beinahe hüftlange, wunderschöne, goldblonde Haare.

Unseren Sohn Manuel, der erst 17 Monate alt war, hatten wir bei meiner Mutter in Südtirol zurück gelassen. Wir waren sicher, bei Mama war das Kleinkind besser aufgehoben. Mit unseren beiden Kindern wohnten wir sonst bei Reinhold Messner oben im Schloss und führten ein recht aufregendes Leben.

Endlich. Nach fünf Tagen des Wartens tauchten die Bergsteiger endlich auf. Wir waren voller Erwartungen und Spannung. Insbesondere Friedls Gesichtsausdruck wollten wir sehen, wenn Marianne ihn endlich in ihre Arme schließen würde.

Doch Totenstille. Alle waren stumm. Keiner begrüßte uns mit einem Lachen, keiner zeigte auch nur die geringsten Anzeichen von Freude. Die Männer waren allesamt gezeichnet vom Schmerz. Und von den langen Tagen und Nächten oben am Dach der Welt.

Nun erst fiel mir auf, dass auch Roland immer ausweichende Antworten gegeben hatte, wir hatten in unserer Euphorie eigentlich kaum darauf geachtet. Hans Kammerlander hatte Tränen in den Augen, als er sich nun Marianne zuwandte und sagte: Marianne, es tut mir so Leid, der Friedl kommt nimmer“.

Ich sehe heute noch wie meine Freundin ins Wanken geriet und ihn unglaublich ansah. „Nimmer“, sagte sie dann stammelnd.

Sehr viel später sollte sie mir erzählen, dass sie sofort gewusst habe. Friedl ist tot. Dann sagte Kammerlander. Auch der Carlo ist nicht mehr da. Ich stand da und es zog mir den Boden unter den Füßen weg.

Wir waren alle wie gelähmt. So lange hatten wir nun gewartet, so viele Hoffnungen, Sehnsüchte und Träume hatte Marianne nach Nepal getragen. Sie hatte ihren Friedl überraschen wollen. Mit sich selber. Ein absoluter Liebesbeweis. Oh wie der sich gefreut hätte. Und daheim wartete ihr Sohn. Damals noch ein Kind.

Nicht im Entferntesten hätte er sich ausmalen können, dass seine Marianne ihm folgen würde. Endlich hatte es geklappt mit der Zeit, mit dem Timing, mit allem. Und nun war Friedl tot. Und Carlo auch.

Tränen in Kathmandu und daheim

Die nächsten Tage in Kathmandu waren schrecklich. Und die Zeit daheim würde noch viel schrecklicher werden. Das ahnten wir. Denn in der Zwischenzeit hatten sämtliche Medien in Europa mitbekommen, dass es bei der Hans Kammerlander-Expedition zu einer Tragödie gekommen war.

Wir flogen gemeinsam heim. In München wartete bereits die geballte Meute auf uns. Doch Kammerlander und seinem Management war das Kunststück gelungen, uns vom Flughafenpersonal durch einen Hinterausgang schleusen  zu lassen. So konnten wir wenigstens diesmal noch unbehelligt heim nach Südtirol fahren.

Draußen indes tobten die Journalisten und konnten sich nicht erklären, wo die Truppe, die sie eigentlich interviewen wollte, abgeblieben sein konnte. Die Medien hatten schon tagelang von der Tragödie berichtet und warteten eigentlich alle nur mehr auf das goldene Kalb, das endlich geschlachtet werden sollte.

Da es aber so ganz anders gekommen war, reimten sich einige Zeitungen einfach ihre eigenen Geschichten zusammen. Es war bodenlos. Vielleicht war dieser Schachzug ein Fehler gewesen, doch man schrieb das Jahr 1991 und einige weitere Erkenntnisse erkannten auch wir erst später.

Wir alle waren so furchtbar traurig über diese unfassbare Tragödie und so froh, dass uns Hans Kammerlander so viel abnehmen konnte. In den nächsten Wochen fanden die Gedenkfeiern für unsere Freunde statt, die nun im ewigen Eis des Manaslu begraben waren. Und so langsam kehrte ein Pseudoalltag ein.

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Marianne versuchte ihr Trauma in einem Buch zu verarbeiten und das tat ihr gut. „Einer geht immer voraus“ ist dann einige Jahre später im Rother – Bergverlag erschienen. Ein wunderbares Buch voller Träume und Schönheit und Dankbarkeit einer Frau, die ihren Mann dort verloren hatte, wo er sich am liebsten aufgehalten hatte.

Carlo Großrubatschers Freundin trauerte auch sehr  intensiv und tief und fand dann doch etwas später erneut einen Bergsteiger, dem sie ihr Herz schenken konnte. Und auch für uns ging das Leben weiter.

Unsere Tochter hatte noch einen Rückfall in Südtirol erlitten und musste erneut eine Woche das Bett hüten und unser Sohn Manuel freute sich unbändig, endlich seine Eltern wieder zu haben. Doch es dauerte 20 Jahre, bis wir wieder nach Nepal reisen konnten. Wir schafften es nicht, diesen Schmerz eher verarbeiten zu können.

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Hallo, ich bin Christine Losso, Journalistin. Buchautorin und Bloggerin... Es kann einem nichts Besseres passieren als das Glück zu haben, um die Welt zu ziehen, um neue Kulturen, neue Perspektiven und neue Menschen kennen zu lernen: Für sich selber und für die Allgemeinheit. Ich möchte euch mit unseren mehr oder weniger verrückten Geschichten rund um den Globus etwas unterhalten und erheitern...

Kommentare

  1. Rudolf Piva sagt: September 28, 2016 at 5:32 pm

    Ich habe Ihren Bericht mit grosser Teilnahme gelesen, obwohl soviele Jahre vergangen sind. Meine Tante, Ruth Grossrubatscher, war die Schwester von Carlo (“Karl” nannten wir ihn). Ich erinnere mich, wie alle hoffnungsvoll auf die Rueckkehr der Bergsteiger warteten. Wie verzweifelt meine Tante war, als sie uns anrief und uns alles berichtete. Ich kann mich noch in Groeden an die “Stua da Carlo” erinnern, als wir nach seinem Tod hineingingen und es so trostlos aussah.
    Ich habe nie die Freundin von Karl kennengelernt, ich wusste nur dass sie Thea hiess. Auch meine Tante und ihre Eltern haben ihr gesagt, dass sie weiterleben musste.
    Der Mai 1991 ist wirklich ein furchtbarer Monat gewesen, wenige Tage spaeter, am 26.Mai, stuerzte der Lauda Air Flug in Thailand ab, und wieder war Jemand verschwunden den wir gekannt haben.
    Danke fuer den schoenen Bericht.
    Mit freundlichen Gruessen.

    Rudolf Piva

    • Lieber Rudolf Piva,

      vielen Dank für diesen Kommentar, ich freue mich sehr. Ja, das waren schlimme Zeiten damals, mein Mann und ich sind 20 Jahre nicht mehr nach Nepal gefahren daraufhin. 2011 endlich konnten wir wieder hin und wir haben dort dann einen ganz tollen Trekking mit Freunden und unserem Sherpa-Freund Tham Bahadur gemacht. Später hat Roland, mein Mann, dann sogar wieder begonnen, Berge zu besteigen. Seither sind wir wieder jedes Jahr dort und haben auch Spenden gesammelt für Tham und seine Familie, die nach dem verheerenden Erdbeben keine Arbeit mehr hatten. Wenn du magst, kannst auch einmal in meine Webseite reinschauen http://www.christine-losso.com . Dort sind unsere Hilfsprojekte bei “hope for a better world” das ist meine Organisation seit 1994, beschrieben.
      Lieben Dank und herzliche Grüße aus Thailand
      Christine Losso (siehe auch http://www.boonya-kohchang.com) wir leben mittlerweile hier

  2. Rudolf Piva sagt: Oktober 28, 2016 at 3:21 pm

    Sehr geehrte Frau Losso,
    danke nochmals fuer Ihre Antwort. Sie leben in einen schoenen Ort, wuerde mich freuen, Sie und Ihren Mann mal zu besuchen!
    Nochmals danke und liebe Gruesse aus Padua (mittlerweile wohne ich dort).

    Rudolf Piva

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